© Tages-Anzeiger; 18.06.2008; Seite 61city

Aufschlag

CITY Regionalausgabe Stadt Zürich

Leuchttanz der Zürcher Glühwürmchen

Jetzt balzen die Glühwürmchen wieder. An über 60 Orten in der Stadt werden die Weibchen ihre leuchtenden Hinterteile in die Luft halten und die Männchen ihnen entgegenfliegen.
Von Monica Müller

Die Zürcher Glühwürmchen sind zum Auftakt der Euro unerwartet zu Ehren gekommen. Im «Geo Special Schweiz», in dem die vier Schweizer Euro-Städte bezüglich Lebensqualität verglichen werden, punktet Zürich mit seiner einmaligen Glühwürmchen-Hotline. Das amüsiert Stefan Hose, der bei Grün Stadt Zürich den heissen Draht für «Hinweise zur Glühwürmchenbeobachtung» betreut. So heiss sei der nun auch wieder nicht, kaum jemand rufe dort an, um gesichtete Leuchtkäfer zu melden.

Auf die Pirsch gehen vielmehr die 20 Mitglieder des 2002 gegründeten Vereins Glühwürmchen-Projekt selbst. Auf der Basis ihrer unzähligen nächtlichen Exkursionen haben sie eine Karte erstellt, welche die Verbreitung der Glühwürmchen in Zürich zeigt (siehe Grafik). Stefan Hose vom städtischen Naturschutz findet es «überraschend und erfreulich», dass Glühwürmchen an über 60 städtischen Standorten leben. Am Stadtrand, etwa im Wehrenbachtobel, im Katzensee-Gebiet und am Uetliberg-Hang, aber auch im Siedlungsgebiet bei der Werdinsel und da und dort in Parks, Friedhöfen und Gärten. Am wohlsten ist es ihnen an dunklen Stellen, krautigen Wald- und Wegrändern, in alten Park- und Gartenanlagen und bei Riedwiesen und anderen Feuchtgebieten.

Geheime Lichtshow der Italiener

Weshalb aber auf dem Zürichberg, in Witikon und Schwamendingen keine Glühwürmchen glimmen, ist den Liebhabern der Käferchen bis heute rätselhaft. Gerade weil so wenig über sie bekannt ist, hat der Zürcher Biologe und Stadtökologe Stefan Ineichen den Verein vor sechs Jahren ins Leben gerufen: «Ich wollte mit andern ‹Spinnern› mehr über diese zauberhaften Naturartisten herausfinden.»

Und das haben sie: Ein Vereinskollege, der auch Fledermaus-Experte ist, hat nachts auf Erkundungstour bemerkt, wie sich Käferchen auf dem leuchtenden Schalter seines Fledermausdetektors ansammelten - es waren männliche Glühwürmchen auf Partnersuche. So war die Idee geboren, die Population der Zürcher Glühwürmchen mittels Becherfallen zu ermitteln. In Zürich leben drei Arten; am stärksten vertreten sind die Grossen Glühwürmchen.

In einer alten Kirche im Kreis 7 - den genauen Standort soll den Glühwürmchen zuliebe nicht verraten werden - hausen gar Italienische Leuchtkäfer, die für ihre besonders gute Lichtshow bekannt sind (bei dieser Art können auch die Männchen blinken). Die Sigristin unterstützt die Population, indem sie während der Paarungszeit die Kirche nicht beleuchtet. Wenn zu viel Licht von Strassenlampen, Häusern oder Reklametafeln ihren Lebensraum überstrahlt, können die Männchen die Weibchen nicht mehr erkennen, und so verpasst man sich. An Orten mit besonders vielen Larven glimmen dafür kaum Glühwürmchen: Dort finden sich Männchen und Weibchen sofort.

Endstation Wien für Glühwürmchen

Auch wenn die Schweizer Nationalmannschaft die Endstation Wien verpasst hat, so leuchten zumindest unsere Glühwürmchen bis in die Euro-Finalstadt: Die Wiener waren von der Zürcher Glühwürmchen-Hotline so angetan, dass sie eben selbst eine solche geschaffen haben.
 
 

Glühwürmchen

Nach einigen Jahren als Larven verpuppen sich die Glühwürmchen und schlüpfen als Käfer, die nur eines im Sinn haben: die Paarung. Bei den meisten der 2000 Leuchtkäfer lotsen die flugunfähigen Weibchen die fliegenden Männchen mit Leuchtorganen am Hinterleib zu sich. Bei manchen Arten glimmen auch die Männchen. Kurz nach der Paarung legt das Weibchen Eier und stirbt, auch das Männchen stirbt bald danach. (mom)

www.gluehwuermchen.ch