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Glühwürmchen und Lichtverschmutzung?


Lichtverschmutzung - kein Glühwürmchen-Lebensraum (mehr)


Werden Glühwürmchen durch Kunstlicht beeinträchtigt? Auf den ersten Blick ergibt sich ein verwirrendes Bild: Auf der einen Seite kennen wir Stellen, wo der Leuchtkäfer-Bestand bei Zunahme der künstlichen Beleuchtung zurückging, auf der andern Seite leuchten Leuchtkäfer-Weibchen gelegentlich direkt im Lichtkegel von Lampen, welche die ganze Nacht hindurch leuchten. Und – grossräumig ist die Fundortkarte weitgehend kongruent zur Lichtverschmutzungskarte!

Daraus den Schluss zu ziehen, dass Glühwürmchen durch Lichtverschmutzung gefördert werden, wäre falsch. Die Kartierung der Lichtverschmutzung zeigt die Stellen an, wo viele Menschen leben – und in diesen Gegenden ist natürlich eine Begegnung mit Leuchtkäfern viel wahrscheinlicher als in dünn besiedelten Räumen. Schon ein Vergleich mit einer Kartierung in einem kleinräumlicheren Massstab, wie dies am Beispiel der Stadt Zürich geschehen ist, zeigt dagegen, dass sich die bekannten Lebensräume des Grossen Glühwürmchens in Arealen befinden, die weder durch öffentliche noch durch private Beleuchtung erhellt werden. Doch auch diese Tatsache kann nicht ungeprüft als eine Verdrängung von Glühwürmchen durch Kunstlicht interpretiert werden, da sich bevorzugte Habitate wie Waldlichtungen, Bachtobel und alte Villengärten auch hinsichtlich anderer Faktoren von üblicherweise stark verleuchteten Stellen unterscheiden.

Um also etwas Licht in diese Angelegenheit zu bringen, muss der Einfluss des Kunstlichtes in einem Umfeld untersucht werden, wo sich beleuchtete und unbeleuchtete Stellen nahe beieinander in einem sonst weitgehend gleichartigen Lebensraum vergleichen lassen. Eine solche Situation findet sich in Biberstein (AG), wo sich in einem gutstrukturierten Wohnquartier an einem geschwungen geführten Fussweg (entlang eines Baches) von Strassenlampen hell beleuchtete Stellen mit unbeleuchteten, dunkeln Abschnitten abwechseln. Hier ergibt sich nach den langjährigen Beobachtungen einer Anwohnerin – Ursula Moor –, die während einiger Jahren in fast jeder Sommernacht weibliche Grosse Glühwürmchen kartiert hat, und den Untersuchungen von Beat Rüttimann und Stefan Ineichen in den Jahren 2009 und 2010 (publiziert 2012) folgendes Bild:

- Die Weibchen lassen sich bei der Wahl ihrer Leuchtplätze kaum von Kunstlicht beeinflussen, lassen sich sogar eher gehäuft im Schein der Strassenlampen beobachten.

- Die männlichen Glühwürmchen meiden dagegen die vom Lichtkegel der Strassenlampen erhellten Bereiche. Mit LED-Fallen liessen sich unter den Lampen nie Männchen fangen, in den dunklen Abschnitten zwischen den Lampen dagegen verhältnismässig häufig. Als für drei Nächte die Beleuchtung im Untersuchungsgebiet ausgeschaltet werden konnte, fanden sich auch unter den (dunklen) Strassenlampen viele Männchen ein.

  

Dies bedeutet also, dass verleuchtete Stellen „Käselöcher“ in die Fortpflanzungslandschschaft schneiden, da die dort unbeeeindruckt vom Lichtschein sich aufhaltenden Weibchen nicht von den „lichtscheuen“ Männchen angeflogen werden und infolgedessen unverpaart nach vielleicht zwei Wochen sterben. Dies kann den Fortpflanzungserfolg einer Population beeinträchtigen, diese unter Umständen sogar zum Erliegen bringen.

Auch die Aktivität der Larven wird offenbar durch die Lichtstärke gesteuert: Larven des Grossen Glühwürmchen werden erst aktiv, wenn eine gewisse Dunkelheit erreicht ist. Dies bestätigt eine ebenfalls 2012 veröffentlichte Arbeit (Gunn & Gunn 2012), die die Korrelation zwischen der Aktivität von Glühwürmchenlarven und dem Mondzyklus im englischen Norfolk untersucht und aufzeigt, dass die Larven die geringste Aktivität bei Vollmondlicht zeigen. Da der Skyglow – die Reflektion des Stadtlichtes an der Wolkendecke – die Lichtstärke des Vollmondlichtes erreichen kann, besteht auch bezüglich der Larvenaktivität möglicherweise eine negative Auswirkung der Lichtverschmutzung auf Glühwürmchenpopulationen. Für die Leuchtaktivität der Weibchen konnte jedoch keinerlei Abhängigkeit von der Mondphase nachgewiesen werden.

Diese Freilandstudien bestätigen, was schon vor Jahrzehnten von H. H. Schwalb (1961) unter Laborbedingungen festgestellt werden konnte: Schwalb beobachtete, dass Glühwürmchen-Männchen von geringen Lichtstärken angezogen, von Starklicht dagegen vertrieben werden sowie dass Helligkeit (schon Vollmondlicht!) die Aktivität der Larven völlig unterdrückt. Altlarven werden jedoch oft auch tagsüber getroffen: Möglicherweise suchen sich die Altlarven vor der Verpuppung auf den in diesem Stadium immer wieder beobachteten Wanderungen bei Tageslicht Verpuppungsplätze an Übergangsbereichen, Böschungen und Heckenrändern. Wenn die Tiere nach der Puppenphase schlüpfen, so bleiben die Weibchen dann dort sitzen, auch wenn sich die Stelle im Lichtschein einer Lampe befindet, während sich die bei hellen Beleuchtungsverhältnissen lichtscheuen Männchen schnell entfernen werden.

Zur Lichtverschmutzung: Licht verbirgt die Nacht, verscheucht die Glühwürmchen und macht sie unsichtbar.

ein schönes Buch: Wieviel Licht braucht der Mensch, um leben zu können, und wie viel Dunkelheit? Di quanta luce ha bisogno i'uomo per vivere e di quanta oscurità?

eine informative Broschüre: Empfehlungen zur Vermeidung von Lichtemissionen

Ineichen & Rüttimann (2012)

Gunn & Gunn (2012)